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BI im Gespräch

07 06 BVR 151119 2214Für Banker wird es garantiert nicht langweilig im Jahr 2020. BVR-Präsidentin Marija Kolak zeigt sich im Gespräch mit der BI optimistisch, dass die genossenschaftlichen Institute trotz vieler Herausforderungen mit Zuversicht in die Zukunft gehen können.

BI// Welche zentralen Herausforderungen sehen Sie für die Volksbanken und Raiffeisenbanken für das Geschäftsjahr 2020?

Kolak// Hier spielen auf den ersten Blick betriebswirtschaftliche Aspekte eine Rolle, da die Niedrigzinsphase noch lange andauern wird und sich dies immer stärker in den Bilanzen der Institute niederschlägt. Da fragt sich jeder, wie er kurz-, mittel- und langfristig mit dieser Situation umgeht. Die Aspekte Wachstum und Kosten sind hier elementar. Viel gravierender ist aus meiner Sicht jedoch der verschärfte Kampf um die Kundenschnittstelle. Wie schaffen wir es, täglich für unsere Kunden und Mitglieder relevant zu sein? Das ist für mich für die Zukunft die überragende Fragestellung.

BI// Und wie lösen wir dies?

Kolak// Die Arbeiten daran laufen schon seit einiger Zeit in unserer Gruppe. Jetzt geht es zunächst darum, die erarbeiteten und bereitgestellten Lösungen – etwa aus den KundenFokus-Projekten – sukzessive vor Ort zu implementieren. Damit können die Kunden und Mitglieder erleben, wie ihre Genossenschaftsbank für sie auf allen Kanälen erreichbar ist und wie sie ganz einfach mit ihrer Bank in Kontakt treten können über den Weg, den sie präferieren.

BI// Dies erfordert aber große Anstrengungen – auch kulturell.

Kolak// Richtig. Gerade die Managementebene wird hier stark gefordert sein, Orientierung zu geben. In dieser rauen See benötigen wir starke Kapitäne – und natürlich eine gut 09 02 BVR 151119 2099eingespielte und motivierte Mannschaft. Ich bin überzeugt, dass wir hier in der Gruppe gut aufgestellt sind. Die genossenschaftliche FinanzGruppe wird auch diese herausfordernde Etappe ihrer langjährigen Geschichte meistern.

BI// Sie sprachen die Aspekte Wachstum und Kosten an.

Kolak// Dies sind zentrale Stellhebel, um sich betriebswirtschaftlich zukunftsfähig aufzustellen. Für die Banken geht es darum, jetzt aktiv werden. Abwarten ist keine sinnvolle Strategie. Das hat ja auch die Arbeit an der Strategieagenda gezeigt. Mit einem „Weiter so" ist uns nicht geholfen.

Ein guter Unternehmer hat die Kostenseite immer im Blick. Das sollte nichts Besonderes sein. Effizienz ist eine Daueraufgabe. Im Hinblick auf das Thema Wachstum ist es wichtig, dass wir die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft sukzessive verringern. Und das wird nur möglich sein, indem wir neue Wachstumsfelder und neue Geschäftsfelder für uns erschließen.

Das können banknahe oder auch bankfremde Dienstleistungen sein. Bei den Arbeiten an der Strategieagenda gab es dazu schon entsprechende Impulse. Diese werden nun weiter ausgearbeitet und konkretisiert.

BI// Einerseits Kosten sparen und andererseits investieren in digitale Lösungen und neue Geschäftsfelder – keine einfache Ausgangslage.

Kolak// Ja, das ist eine große Herausforderung. Im Vergleich zu anderen Branchen ist die Kreditwirtschaft allerdings bisher eher investitionsschwach gewesen. Insbesondere bei Forschung und Entwicklung hinken wir hinterher. Auch aus diesen Gründen haben wir die Digitalisierungsoffensive gestartet, um mit der Entwicklung des Marktes und der Wettbewerber mithalten zu können. Wenn wir uns anschauen, welche Summen durch Risikokapitalgeber jedes Jahr in Fintechs investiert werden, sind wir noch ein gutes Stück entfernt davon. Natürlich ist das ein schwieriger Spagat. Aber einfach weiterzumachen wie bisher, ist keine zielführende Alternative.

BI// Stichwort Digitalisierungsoffensive. Sind wir da eigentlich schnell genug unterwegs? Denn die Digitalisierung wartet ja nicht auf uns...

Kolak// Es war richtig, gemeinsam zu investieren, um die Geschwindigkeit bei der Weiterentwicklung der IT zu erhöhen. Wir sind hier im Plan mit dem, was wir uns in der Digitalisierungsoffensive vorgenommen haben. Und wie in jedem Projekt gibt es Höhen und Tiefen. Die ersten Produkte sind ausgeliefert und weitere kommen nun dazu. Die Vertriebsplattform ist am Start. Sie wird nun Schritt für Schritt weiter ausgebaut.

BI// Viel Arbeit für eine kleine genossenschaftliche Primärbank...

Kolak// Wichtig ist, jetzt anzufangen mit der Implementierung der einzelnen Lösungen. Je länger dies in der Bank aufgeschoben wird, desto schwieriger wird es. Wer bis zum Schluss auf alle Lösungen wartet, um dann alles auf einmal zu implementieren, wird vor einer schier unlösbare Aufgabe stehen.

BI// Die Strategieagenda hatten Sie auch schon mehrfach erwähnt. Arbeitsergebnisse liegen nun vor, jetzt geht es in die Gremien und per Roadshow in die Regionen. Gab und gibt es noch genug Raum für die Diskussion der Ergebnisse?

Kolak// Hier sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an. Der Input der Banken ist uns sehr, sehr wichtig. Daher haben wir auch vom ersten Tag der Strategieagenda an auf Transparenz gesetzt und die Arbeitsfortschritte und -ergebnisse aus der Projektarbeit schon während des laufenden Prozesses immer wieder allen Primärbanken zur Verfügung gestellt. Der Blog im BVR-Extranet hat laufend sichtbar gemacht, wer an welchen Themen arbeitet und wie weit die entsprechenden Arbeiten sind. Darüber hinaus waren über 100 Bankvorstände im Jahr 2019 in dem neu geschaffenen Format „Vorstand im Dialog" im intensiven Austausch mit Herrn Dr. Martin und mir. Jeder, der Interesse an diesem Thema hatte, konnte sich vom ersten Tag an über Projektverlauf und Projektinhalte informieren. Wir möchten aber auch zu den Banken in die Regionen kommen, um noch mehr Kolleginnen und Kollegen vor Ort den Austausch zu ermöglichen. Das planen wir für das Frühjahr 2020. Dies wird uns helfen, wichtige Impulse zu erhalten und ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Prioritäten wir uns alle gemeinsam vornehmen sollten.

BI// Kritische Stimmen in unserer Gruppe sehen durch verschiedene Entwicklungen – Stichworte Standardbank, One-and-done-Prozesse und nicht zuletzt die Strategieentwicklungsarbeiten beim BVR – die Unabhängigkeit der Primärinstitute in Gefahr. Wie beurteilen Sie solche Bedenken?

Kolak// Wir müssen diese Bedenken ernst nehmen. Da kommt gerade sehr viel auf die Primärbanken zu. Doch das oberste Ziel der Strategiearbeit ist es, dem Herzstück unserer Organisation – dem dezentral agierenden Unternehmer vor Ort in der Region – weiterhin zu ermöglichen, dieses Modell mit Leben zu füllen und die Potenziale in der Region zu heben sowie den genossenschaftlichen Förderauftrag zu erfüllen. Das ist die DNA unserer FinanzGruppe. Die oberste Prämisse für die Strategiearbeit war und bleibt es, die Genossenschaftsbanken fit zu machen für die eigenverantwortliche Sicherung ihrer nachhaltigen Rentabilität. In diesem Duktus werden wir auch weiterhin arbeiten.

BI// Aber inwieweit passen beispielsweise einheitliche Prozesse zu diesem Vorgehen?

Kolak// Es geht hierbei darum, den Primärbanken mehr Freiräume zu schaffen, sich vor Ort bestmöglich und effizient aufzustellen. Dazu gehört es im Übrigen aus meiner Sicht ebenso, dass wir genau auf die Verwaltungskosten der Gruppe und den gesamten Wertschöpfungsprozess schauen. Hier gilt es, verstärkt den Fokus darauf zu setzen, innerhalb der genossenschaftlichen FinanzGruppe effizienter zu werden.

BI// Schließt dies auch die Verbändelandschaft mit ein?

Kolak// Alle Akteure sind hier gefragt. Jeder wird in der nächsten Zeit einen Beitrag leisten. Denn wir wollen im Jahr 2030 weiterhin eine nachhaltig rentable Organisation sein, mit einem nach wie vor stabilen Rating.

BI// Auch im Jahr 2019 gab es wieder Fusionen im Primärbereich. Die Genossenschaftsbanken werden tendenziell größer und weniger. Ist das aus Ihrer Sicht nicht problematisch, weil durch größere Einheiten die Nähe zu den Mitgliedern und Kunden leiden könnte?

Kolak// Ich glaube, wir sollten uns freimachen, Nähe allein über die Betriebsgröße zu definieren. Viel sinnvoller ist es, sich in den Kunden hineinzuversetzen, wie er Nähe empfindet. Der Kunde möchte seine Anliegen zügig bearbeitet wissen. Er möchte einen Ansprechpartner haben, zu dem er ein Vertrauensverhältnis aufbauen kann und der auch eine Entscheidungskompetenz hat. Also, worüber sprechen wir, wenn wir Nähe meinen? Wir dürfen diesen Begriff nicht auf Betriebsgrößen und Organisationseinheiten reduzieren. Es geht darum, die Kundenwünsche bestmöglich zu erfüllen. Das ist entscheidend. Ich finde es fraglich, zu behaupten, dass nur ganz kleine Einheiten wirklich Kundennähe leben. Nehmen Sie die Beispiele Amazon oder Apple: Sogar diese Unternehmen sind trotz ihrer Größe uns allen im Alltag recht nah gekommen. Gerade die GAFAs zeigen uns, wie man sinnvoll und erfolgreich Kontaktpunkte zum Kunden schafft und wie Serviceexzellenz aussieht.

BI// Kommen wir nun vielleicht zu einem anderen, nicht weniger spannenden Bereich. Welche Themen spielen aus Ihrer Sicht in der Interessenvertretung in diesem Jahr eine besondere Rolle?

10 10 BVR 151119 2272Kolak// Das Themenspektrum der Interessenvertretung ist mittlerweile breit gefächert. Aber nach wie vor wird uns das Thema Proportionalität beschäftigen. Das ist für uns von sehr großer Bedeutung. Und die europäische Einlagensicherung – Stichwort EDIS – bleibt ganz oben auf der Agenda. Wir kämpfen hier seit Jahren für den Erhalt unseres Sicherungssystems und gegen Vergemeinschaftungstendenzen. Deswegen haben wir uns auch vehement gegen die jüngsten Vorschläge von Bundesfinanzminister Olaf Scholz gewendet. Hier werden wir nicht müde in unserem Widerstand, aber auch nicht darin, den Dialog mit der Politik zu suchen.

BI// Gilt dies auch für das derzeitige Trendthema Nummer eins, Nachhaltigkeit? Hier ist ja auch einiges an Regulatorik zu erwarten.

Kolak// Wir werden uns dafür einsetzen, dass dieses Thema nicht zu einer ideologisch aufgeladenen Politisierung der Finanzmärkte führt. Die Finanzmarktstabilität muss gewahrt bleiben. Zudem sollte allen Beteiligten auch genügend Zeit eingeräumt werden, um neue Vorgaben sinnvoll umsetzen zu können. Nachhaltigkeit darf nicht zu einem bürokratischen Monster werden.

BI// Aber es ist doch sehr schwierig, bei diesem Thema als bloßer Verhinderer in Erscheinung zu treten...

Kolak// Das sind wir auch nicht. Im Gegenteil. Bestandteil unseres Handelns war es seit jeher, nachhaltig zu agieren und die Region entsprechend zu fördern. Das gehört doch zum Kern unserer Marke als Genossenschaften. Wir gehen an dieses Thema chancenorientiert heran und haben auch im Dezember gemeinsam mit den Unternehmen der genossenschaftlichen FinanzGruppe ein Projekt gestartet, um das Thema im Verbund weiterzuentwickeln.

BI// Was erwarten Sie von der neuen EZB-Präsidentin?

Kolak// Erst einmal ist es unumstritten, dass Christine Lagarde eine hoch angesehene Finanzexpertin ist. Gut ist, dass sie gleich zum Amtsantritt eine umfassende Prüfung der geldpolitischen Strategie in 2020 angekündigt hat. Ich verspreche mir davon, dass den schädlichen Nebenwirkungen der Geldpolitik neben dem vorrangigen Ziel der Preisstabilität mehr Beachtung geschenkt wird. Im Ergebnis hoffe ich, dass die EZB ihre extreme Minuszinspolitik mittelfristig beendet. Banken und Sparer leiden. Auch für die private Altersvorsorge ist die Zinspolitik ja Gift. Wenn dann übrigens der Bundesfinanzminister auf die Idee kommt, das Aktien-Sparen zu besteuern, dann wird es richtig paradox.

BI// Die Welt ist in Bewegung, keine Frage. In dieser BI-Ausgabe stellen wir ja unsere neue Werbekampagne vor, die dann ab 1. März 2020 laufen wird. Die Kampagne positioniert die Genossenschaftsbanken als Banken der Zuversicht mit einer positiven Botschaft. Nicht so einfach bei aktuellen Themen wie Klimakrise, Handelskriegen, Rezessionsgefahr, Negativzinsen, Filialschließungen etc.

Kolak// In dieser komplexen und vom Wandel geprägten Zeit wollen wir den Menschen Orientierung geben und weiterhin verlässlicher Partner sein. Wir wollen den Menschen Zuversicht geben. Der Claim „Morgen kann kommen" transportiert dies wunderbar. Dabei ist dies unterlegt mit unseren Werten, die wir seit über 150 Jahren tagtäglich leben – überall in Deutschland. Die neue Kampagne soll aber auch durchaus Selbstbewusstsein signalisieren. Unsere genossenschaftliche FinanzGruppe mit ihren rund 175.000 motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit engagierten Vorständen und Führungskräften hat schon sehr viele Herausforderungen gemeistert. Wir können gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Kunden zuversichtlich in die Zukunft schauen und sagen: „Morgen kann kommen".

BI// Frau Kolak, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Roadshow „Strategieagenda"

02. März 2020   Region Frankfurt am Main
10. März 2020   Region Weser-Ems
20. März 2020   Düsseldorf
23. März 2020   Ingolstadt
24. März 2020   Leinfelden-Echterdingen


Bilder: Thomas Ecke


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